Katholische
Arbeitnehmer
Bewegung
Frankfurt/Main-Zeilsheim

Berichte

10.03.2016

Got­tes Barm­her­zig­keit – Un­ser Glau­be und un­se­re Hoff­nung

Einladung Bibelgesprächskreis 18.02.2016 bis 10.03.2016

Nach­dem im letz­ten Jahr erst­mals ein Bib­li­scher Ge­sprächs­kreis statt­fand, lud die ACK Frank­furt-Zeils­heim auch in die­sem Jahr ge­mein­sam mit der Kat­ho­li­schen Ar­beit­neh­mer­be­we­gung (KAB) und den Kat­ho­li­schen Frau­en St. Bart­ho­lo­mä­us (KFB) in der Fas­ten- und Pas­si­ons­zeit die evan­ge­li­schen und kat­ho­li­schen Chris­ten des Stadt­teils er­neut zu ei­ner Ge­sprächs­reihe ein.

Bild zu Text

Bild zu Text

An vier Ge­sprächs­aben­den un­ter der Mo­de­ra­tion der Pfar­rer Ul­rich Matt­hei und Chris­tian En­ke, des Pas­to­ral­re­fe­ren­ten Rei­ner Jö­ckel und des Ge­mein­de­re­fe­ren­ten Mar­tin Roß­bach wur­den die The­men „Psalm 23“, „Ver­söh­nung“, „Welt­re­li­gio­nen“ und „Hei­li­ge“ er­örtert.

Bild zu Text

Pfarrer Ulrich Matthei

Am ers­ten Abend stan­den der alt­tes­ta­ment­li­che Psalm 23 und da­nach der neu­tes­ta­ment­li­che Text über den barm­her­zi­gen Sa­ma­ri­ter im Zen­trum der Über­le­gun­gen. Die Ge­sprächs­teil­neh­mer gin­gen zu­nächst der Fra­ge nach: „Wo habe ich Un­barm­her­zig­keit er­lebt?“ Im Ple­num wur­den vie­le per­sön­li­che Er­leb­nis­se mit Un­barm­her­zig­keit vor­ge­tra­gen. Da­bei ka­men zahl­rei­che Er­fah­run­gen in der ei­ge­nen Fa­mi­lie, in der Schu­le, im Freun­des­kreis, im Kin­der­gar­ten, am Ar­beits­platz und so­gar bei Prü­fun­gen an der Uni­ver­si­tät zur Spra­che. Auch die Ver­trei­bung aus der Hei­mat nach dem Zwei­ten Welt­krieg und die Auf­nah­me als Neu­bür­ger in Hes­sen wur­den ar­ti­ku­liert. In der Aus­spra­che wur­de da­rauf hin­ge­wie­sen, dass die Er­fah­run­gen mit Un­ge­rech­tig­keit in den ein­zel­nen Ge­ne­ra­tio­nen ver­schie­den sein können.

Nach der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Be­griff „Un­barm­her­zig­keit“ wur­de ein­ge­hend über die Barm­her­zig­keit als Ver­söh­nung, Mit­mensch­lich­keit und Mit­leid ge­sprochen.

Aus­führ­lich wur­de Psalm 23 un­ter dem Ti­tel „Der Herr ist mein Hir­te“ me­di­tiert. Be­son­ders der Satz „Nichts als Lie­be und Gü­te be­glei­ten mich al­le Ta­ge mei­nes Le­bens“ er­hell­te die The­ma­tik des Bib­li­schen Ge­sprächs­krei­ses. Als Chris­ten müs­sen wir er­ken­nen, dass Gott uns in un­se­rem ir­di­schen Le­ben stets mit sei­ner Barm­her­zig­keit und Lie­be be­gleitet.

Bild zu Text

Pfarrer Christian Enke

Der zwei­te Ge­sprächs­abend war dem The­ma „Ver­söh­nung“ ge­wid­met. Wo und wann ha­ben wir Zei­chen der Ver­söh­nung zwi­schen den Men­schen und staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Ins­ti­tu­tio­nen er­lebt? In kur­zen Sta­te­ments wur­den ge­nannt: die Ver­söh­nung zwi­schen den bis­he­ri­gen „Erb­fein­den“ Deutsch­land und Frank­reich. Da­bei sei das Deutsch-Fran­zö­si­sche Ju­gend­werk und die kat­ho­li­sche Pax Chris­ti-Be­we­gung zu nen­nen. Wich­tig wa­ren da­mals die zahl­rei­chen Be­geg­nungs­fahr­ten von Ju­gend­grup­pen und Schul­klas­sen nach Frank­reich und Deutsch­land. Auch die Ver­söh­nungs­ges­ten der deut­schen und pol­ni­schen Bi­schö­fe wäh­rend des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils zeig­ten po­si­ti­ve Wirkungen.

Die Be­su­cher des Bib­li­schen Ge­sprächs­krei­ses ver­tra­ten die über­ein­stim­men­de Auf­fas­sung, dass Ver­söh­nung je­weils auf bei­den Sei­ten ge­wollt sein muss. Man muss in Kon­flikt­fäl­len auf glei­cher Au­gen­hö­he mit­ein­an­der spre­chen, Feh­ler ein­ge­ste­hen und für fal­sches Ver­hal­ten um Ver­zei­hung bitten.

Schwie­rig wird es, wenn Ges­ten der Ver­söh­nung nicht an­ge­nom­men wer­den. Auf je­den Fall müs­sen wir im Kon­takt mit an­de­ren Men­schen je­de Form von Recht­ha­be­rei und Über­heb­lich­keit ver­mei­den.

Was hat Gott mit un­se­rer Ver­söh­nungs­ar­beit zu tun? Wel­che Hil­fen ge­ben da­zu die christ­li­chen Kir­chen? Die Teil­neh­mer am Bib­li­schen Ge­sprächs­kreis er­ör­ter­ten Stel­len in der Hei­li­gen Schrift, an de­nen von Zei­chen der Ver­söh­nung be­rich­tet wird. Ei­ne zen­tra­le Ge­schich­te ist die vom ver­lo­re­nen Sohn, der, nach­dem sein Le­ben in der Frem­de ge­schei­tert ist, zu sei­nem Va­ter nach Hau­se zu­rück­kehrt. Der barm­her­zi­ge Va­ter nimmt sei­nen Sohn mit gro­ßer Freu­de und Herz­lich­keit wie­der auf. Das Gleich­nis lehrt uns Chris­ten: Gott han­delt an uns, wenn wir sün­di­gen, ge­nau­so wie der im bib­li­schen Gleich­nis ge­schil­der­te barm­her­zi­ge Vater.

Aus­führ­lich wur­de über die Beich­te und das Beicht­ge­spräch in der kat­ho­li­schen Kir­che und über For­men der Be­sin­nung und Bu­ße im evan­ge­li­schen Got­tes­dienst ge­spro­chen. Mar­tin Lut­hers Fra­ge „Wie be­kom­me ich ei­nen gnä­di­gen Gott?“ ist auch in der heu­ti­gen Zeit über die Kon­fes­sions­gren­zen hin­aus noch im­mer aktuell.

Ge­gen En­de des Ge­sprächs­abends ging es um den stei­gen­den Rück­gang der Got­tes­dienst­be­su­cher in den christ­li­chen Kir­chen. Als Grün­de da­für wur­den ge­nannt: die un­christ­li­chen Ak­tio­nen der Kir­chen in der Ver­gan­gen­heit wie Kreuz­zü­ge und Kon­fes­sions­krie­ge, so­wie heu­te die Un­ter­stüt­zung in­hu­ma­ner po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Hand­lun­gen wie Waf­fen­ver­käu­fe und Un­ge­rech­tig­kei­ten in der Ar­beits­welt, aber auch die man­gel­haf­te Wei­ter­ga­be des christ­li­chen Glau­bens an die jün­ge­re Ge­ne­ra­tion durch weit­hin un­in­ter­es­sier­te Eltern.

Bild zu Text

Pastoralreferent Reiner Jöckel

Zu Be­ginn des drit­ten Ge­sprächs­abends be­fass­ten sich die Teil­neh­mer mit der Fra­ge nach der Barm­her­zig­keit Got­tes in den drei mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen Ju­den­tum, Chris­ten­tum und Is­lam. In der Bi­bel und im Ko­ran wird Gott oft als barm­her­zi­ger Wel­ten­herr­scher be­schrie­ben, der die Men­schen im­mer auf­ruft, sei­nem Bei­spiel zu folgen.

Die Be­trach­tung ei­nes Fo­tos, auf dem ein afri­ka­ni­scher Jun­ge mit sei­nem ab­ge­ma­ger­ten Hund in ei­ner trost­lo­sen ver­trock­ne­ten Ebe­ne zu se­hen ist, warf die Fra­ge auf „Wa­rum lässt Gott das Elend in der Welt zu?“ Da­zu ei­ni­ge Sät­ze aus der Ver­kün­di­gungs­bul­le „Mi­se­ri­cor­diae vul­tus“ von Papst Fran­zis­kus zum au­ßer­or­dent­li­chen Ju­bi­lä­um der Barm­her­zig­keit: „Wie vie­le Wun­den sind in das Fleisch so vie­ler Men­schen ge­riss­en, die kei­ne Stim­me mehr ha­ben, weil ihr Schrei auf­grund der Teil­nahms­lo­sig­keit der rei­chen Völ­ker schwach ge­wor­den oder ganz ver­stummt ist, […]. Öff­nen wir un­se­re Au­gen, um das Elend die­ser Welt zu se­hen, die Wun­den so vie­ler Brü­der und Schwes­tern, die ih­rer Wür­de be­raubt sind“.

In der Aus­spra­che wur­de deut­lich, dass wir das Elend, das wir in un­se­rem Land und welt­weit se­hen, mit dem Her­zen be­trach­ten müs­sen und uns mit un­se­rer Barm­her­zig­keit für die not­wen­di­gen Än­de­run­gen im per­sön­li­chen Um­feld, in un­se­rer Ge­sell­schaft und in der Po­li­tik ein­set­zen müs­sen. Da­bei wur­de über die Ge­rech­tig­keit ge­spro­chen. Sie ist bei un­se­ren Be­mü­hun­gen sehr wich­tig, kann aber durch fal­sche An­wen­dung Scha­den an­rich­ten. Gott über­bie­tet die Ge­rech­tig­keit durch sei­ne un­end­li­che Barm­herzigkeit.

In zwei klei­nen Grup­pen wur­de an­hand von zwei Bi­bel­stel­len die Barm­her­zig­keit Je­su er­ör­tert. Es lohnt sich, dass sich die Le­ser die­ses Be­rich­tes ein­mal mit den Ver­sen 6 bis 17 im 13. Ka­pi­tel des Lu­kas­evan­ge­li­ums be­schäf­ti­gen. Ab­schlie­ßend wur­de fest­ge­stellt: Got­tes Lie­be ist imm­er un­ter uns. Wir kön­nen uns den Him­mel nicht selbst ver­die­nen. Und ganz ent­schei­dend ist für uns zu se­hen: Je­der Mensch auf der Er­de hat sei­nen Wert, sei­ne Würde.

Bild zu Text

Gemeindereferent Martin Roßbach

Der vier­te und letz­te Abend des dies­jäh­ri­gen Bib­li­schen Ge­sprächs­krei­ses stand un­ter dem The­ma „Hei­li­ge/Hei­lig­keit“. Der Mo­de­ra­tor, Ge­mein­de­re­fe­rent Mar­tin Roß­bach, sag­te am Be­ginn, Gott sei das ei­gent­li­che „Hei­li­ge“. Als „hei­lig“ be­zeich­ne der Apos­tel Pau­lus eben­so je­den Ge­tauf­ten – nicht auf­grund be­son­de­rer Gna­de und ei­nes hei­li­gen Le­bens, son­dern auf­grund der Hin­ein­nah­me in das Got­tes­ver­hält­nis Je­su durch die Tau­fe. Aus­führ­lich wur­de über die Fra­ge ge­spro­chen „Wer sind Hei­li­ge“? Hei­li­ge sind Men­schen, die aus dem Glau­ben ein vor­bild­li­ches Le­ben füh­ren und an ih­ren Mit­men­schen stets Barm­her­zig­keit üben. Als Bei­spie­le wur­den zahl­rei­che Hei­li­ge aus der Ge­schich­te der christ­li­chen Kir­che, aber auch aus un­se­rer Ge­gen­wart ge­nannt. Be­son­ders Men­schen, die als Mär­ty­rer für ih­ren Glau­ben und durch ih­re Le­bens­pra­xis Zeug­nis ab­le­gen, sind Heilige.

Im Lauf der Jahr­hun­der­te hat sich be­son­ders in der kat­ho­li­schen Kir­che und in den ori­en­ta­li­schen Kir­chen ein Hei­li­gen­kult ent­wi­ckelt, der den Chris­ten der re­for­ma­to­ri­schen Kir­chen weit­hin fremd ist, ob­wohl die­se auch Vor­stel­lun­gen von hei­lig­mä­ßi­gen Men­schen ha­ben. So wer­den Men­schen wie Eli­sa­beth von Thü­rin­gen, Fran­zis­kus von As­si­si, Os­car Ro­me­ro, Diet­rich Bon­hoef­fer und Mut­ter Te­re­sa als Men­schen ge­schätzt, die durch ih­ren tie­fen Glau­ben und ih­re vor­bild­li­che Le­bens­wei­se gro­ße An­er­ken­nung finden.

In der Aus­spra­che wur­den aber auch Sa­chen oder Tex­te wie die Bi­bel, be­stimm­te geo­gra­phi­sche Or­te und Got­tes­häu­ser als hei­lig be­nannt. Selbst die christ­li­che Kir­che wird als Ge­schenk Got­tes an die Welt im Cre­do als hei­lig be­kannt. Für uns Men­schen ist von gro­ßer Be­deu­tung die Fra­ge „Was ist uns hei­lig?“ Ei­nen brei­ten Raum nah­men die Über­le­gun­gen nach dem We­sen des Hei­li­gen Geis­tes ein. Wir kön­nen ihn nicht fas­sen, aber spü­ren in per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen. In schwie­ri­gen und pro­ble­ma­ti­schen Si­tua­tio­nen spü­ren wir: Gott steht uns mit sei­nem Hei­li­gen Geist bei.

Ab­schlie­ßend stell­ten die Be­su­cher des Bib­li­schen Ge­sprächs­krei­ses fest: Un­se­re Barm­her­zig­keit ist in ei­ner er­bar­mungs­lo­sen Welt un­ver­zicht­bar. Der Mensch muss im­mer aus sei­nem Her­zen kom­men­de Nächs­ten- und Ferns­ten­lie­be üben, wenn er zur Schaf­fung mensch­li­cher Be­din­gun­gen auf der Erde bei­tra­gen will.

Dr. Wilhelm Platz