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Frankfurt/Main-Zeilsheim

Berichte

30.06.2016

Die Be­deu­tung der Sy­na­go­ge im jü­di­schen All­tag

Einladung Bedeutung der Synagoge im jüdischen Alltag 16.06.2016 und 30.06.2016

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Da­ni­el Kem­pin

Die Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen wand­te sich in ei­ner sehr gut be­such­ten Abend­ver­an­stal­tung ge­mein­sam mit den kirch­li­chen Ver­ei­nen in Zeils­heim dem jü­di­schen Glau­ben zu. Der jü­di­sche Kan­tor und Mu­si­ker Da­ni­el Kem­pin in­for­mier­te über das The­ma „Die Be­deu­tung der Sy­na­go­ge im jü­di­schen All­tag, An ei­ni­gen Stel­len sei­ner Dar­le­gun­gen sang er mit der Gi­tar­re geist­li­che und welt­li­che Lie­der in jid­di­scher Spra­che und lud die An­we­sen­den zum Mit­sin­gen ein. Das ers­te Lied trug den Ti­tel „Sie­he, wie schön es ist, mit Ge­schwis­tern ver­eint zu sein“. Da­mit wur­de sehr ein­drucks­voll die Stim­mung un­ter den Teil­neh­mern der Ver­an­stal­tung ein­ge­fan­gen. Der Re­fe­rent hat­te kei­nen aus­ge­feil­ten Vor­trags­text. Er sprach frei und be­ant­wor­te­te zahl­rei­che Fra­gen aus dem in­ter­es­sier­ten Publikum.

Er wies dar­auf hin, dass die gro­ße Frank­fur­ter Sy­na­go­ge im West­end, Zen­trum des jü­di­schen Le­bens in der Stadt, in­zwi­schen 100 Jah­re alt ist und zu den Re­form­sy­na­go­gen des jü­di­schen Le­bens gehört.

Im 19. Jahr­hun­dert fand durch die Rab­bi­ner ei­ne Re­form der Li­tur­gie statt. Die Re­form geht auf die be­reits im 1. Jahr­hun­dert un­se­rer Zeit­rech­nung üb­li­che Pra­xis in den Sy­na­go­gen zu­rück, Das Ge­bet ist zu­gleich ein Op­fer, das Gott dar­ge­bracht wird. Die Re­form der Li­tur­gie kon­zen­trier­te sich auf das We­sent­li­che. Dar­auf folg­te die kri­ti­sche Re­ak­tion der Ort­ho­do­xen, die die bis­he­ri­gen li­tur­gi­schen For­men im Sy­na­go­gen­got­tes­dienst be­hal­ten woll­ten. Es kam zu so­ge­nann­ten Aus­tritts­ge­mein­den in Frank­furt. Die ort­ho­do­xen Ge­mein­den wur­den be­son­ders von Ju­den ge­grün­det, die aus Ost­eu­ro­pa ein­ge­wan­dert wa­ren. Da­ni­el Kem­pin sag­te auf An­fra­ge aus dem Krei­se der Teil­neh­mer, dass zu ei­ner jü­di­schen Ge­mein­de min­des­tens 10 Gläu­bi­ge ge­hö­ren. Die­ses Quo­rum ori­en­tiert sich am bib­li­schen Be­richt über die sün­di­gen Städ­te So­dom und Go­morr­ha, als Abra­ham dem Herrn we­nigs­tens 10 Ge­rech­te an­bie­ten woll­te, da­mit Gott die Städ­te ver­schone.

Der Re­fe­rent er­in­ner­te dar­an, dass die Ju­den ei­ne Zeit lang auf ge­pack­ten Kof­fern sa­ßen, al­so zur Aus­wan­de­rung nach Is­rael be­reit wa­ren. We­gen Über­al­te­rung der Men­schen be­stand auch in Frank­furt die Ge­fahr, dass Ge­mein­den ge­schlos­sen wer­den müss­ten. Das war dann durch Zu­zug von Ju­den aus dem Os­ten Eu­ro­pas nicht notwendig.

Was macht die Sy­na­go­ge zur Sy­na­go­ge? Die im Got­tes­haus auf­ge­stell­te Tho­ra-Rol­le in ei­nem Schrein, der in Rich­tung Je­ru­sa­lem an­ge­bracht ist.

In­for­ma­tiv für die christ­li­chen Zu­hö­rer wa­ren die Hin­wei­se auf den Sy­na­go­gen­got­tes­dienst. In der West­end-Sy­na­go­ge wer­den drei Ge­bets­zei­ten an­ge­bo­ten, am Mor­gen, am Nach­mit­tag und am Abend. An Werk­ta­gen gibt es in der Re­gel nur ein Ge­bet. Die Ge­be­te des gläu­bi­gen Ju­den sind nicht an die Sy­na­go­ge ge­bun­den. Man kann über­all zu Gott be­ten, auch zu Hau­se. Da­ni­el Kem­pin schil­der­te sei­ne ei­ge­nen Ge­bets­pra­xen im Ar­beits­zim­mer. Im Sy­na­go­gen­got­tes­dienst trägt der Lei­ter der Li­tur­gie li­tur­gi­sche Klei­dung, zum Bei­spiel ei­nen Ge­bets­mantel.

Auch die Fei­er des Sab­bats war In­halt des Abends. Der Sab­bat be­ginnt be­reits am Frei­tag­abend. Zu­nächst wird mit ei­nem Lied die Hoch­zeit zwi­schen Is­rael und dem Sab­bat gefeiert. In­halt­lich gibt es ver­schie­de­ne Ab­schnit­te des Got­tes­diens­tes. Zum Bei­spiel wer­den Lob­prei­sun­gen Got­tes aus den Psal­men ge­le­sen. Im Haupt­teil geht es um die Theo­lo­gie, die Aus­ein­an­der­set­zung mit Gott. Wir ha­ben Macht und Ver­pflich­tung, Gott zu Gott zu ma­chen. Es fol­gen Le­sun­gen aus der Bi­bel und am En­de ein ge­mein­sa­mes Essen.

Auf die Äm­ter­fra­ge an­ge­spro­chen, er­klär­te Da­ni­el Kem­pin, dass in der jü­di­schen Re­li­gion je­der Mann ein Amt in der Ge­mein­de an­neh­men kann.

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West­end-Sy­na­go­ge, Außenansicht

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West­end-Sy­na­go­ge, Innenraum

Die Aus­füh­run­gen des jü­di­schen Kan­tors und Mu­si­kers er­mun­ter­ten die Zu­hö­rer zu ei­nem Be­such der Frank­fur­ter West­end-Sy­na­go­ge. 14 Ta­ge spä­ter fuh­ren die In­ter­es­sen­ten in die Ci­ty von Frank­furt und er­leb­ten dort ei­ne in­for­ma­ti­ve Füh­rung durch das größ­te Got­tes­haus der Frank­fur­ter jü­di­schen Ge­mein­de. Die West­end-Sy­na­go­ge wur­de in den Jah­ren 1908 bis 1910 er­baut und über­stand die Po­gro­me des Jah­res 1938, als im Deut­schen Reich fast al­le Sy­na­go­gen durch den Wahn der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zer­stört wur­den. Auch die Bom­ben­an­grif­fe der Al­li­ier­ten im Zwei­ten Welt­krieg ver­schon­ten das Got­tes­haus. Al­ler­dings war die Sy­na­go­ge schwer be­schä­digt. Die Schä­den wur­den in der Nach­kriegs­zeit be­sei­tigt. Von 1988 bis 1994 er­folg­te ei­ne um­fas­sen­de Re­no­vie­rung. Da­bei kam un­ter dem Putz und den Ver­scha­lun­gen wi­der Er­war­ten viel ori­gi­nale Bau­subs­tanz zum Vor­schein. Man ent­schloss sich zu ei­ner his­to­risch ge­nau­eren Re­kon­struk­tion des Baus. Die Kos­ten teil­ten sich der Bund, das Land Hes­sen, die Stadt Frank­furt und die jü­di­sche Ge­mein­de. Am 29. Au­gust 1994 wur­den die Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten fei­er­lich ab­ge­schlossen.

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Be­su­cher­grup­pe der West­end-Synagoge

Die Zeils­hei­mer Grup­pe lern­te wäh­rend ei­ner sehr le­ben­di­gen Füh­rung die­se Sy­na­go­ge ken­nen. Sie er­leb­te die schö­ne künst­le­ri­sche Aus­ge­stal­tung die­ses jü­di­schen Got­tes­hau­ses und er­fuhr et­was über den Ab­lauf des Sy­na­go­gen­got­tes­diens­tes. Der Be­such hat sich sehr gelohnt.