Katholische
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Frankfurt/Main-Zeilsheim

Berichte

06.05.2014

Ar­mut und Ge­rech­tig­keit

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Die Referenten, Pfarrer Dr. Ralf Stroh und Pfarrer Albert Seelbach

Un­ter die­sem The­ma stand ein Vor­trags- und Dis­kus­sions­abend der ACK Frank­furt-Zeils­heim am 6. Mai im Evan­ge­li­schen Ge­mein­de­zen­trum. Pfar­rer Al­bert Seel­bach und der Main­zer Theo­lo­ge Dr. Ralf Stroh führ­ten in die kat­ho­li­sche So­zi­al­leh­re und in die evan­ge­li­sche So­zi­al­ethik ein. Al­bert Seel­bach zeig­te mit ei­ni­gen ein­drucks­vol­len Zi­ta­ten aus der Hei­li­gen Schrift, wie groß die Be­deu­tung der ar­men Men­schen im Reich Got­tes ist, de­nen von den Be­sit­zen­den be­son­de­re Zu­wen­dung ge­schenkt wer­den muss. Der Hei­li­ge Lau­ren­tius ha­be, so der Re­fe­rent, die Ar­men als die „Schät­ze der Kir­che” be­zeich­net. Am­bro­sius mein­te ein­mal, es sei bes­ser, den Ar­men zu hel­fen als ei­nen Dom zu bauen.

Auf die mo­der­ne kat­ho­li­sche So­zi­al­leh­re ein­ge­hend, die im 19. Jahr­hun­dert ent­stand und im 20. wei­ter ent­wic­kelt wur­de, nann­te Al­bert Seel­bach die fol­gen­den Prin­zi­pi­en: Per­so­na­li­tät, Ge­rech­tig­keit, So­li­da­ri­tät, Sub­si­dia­ri­tät, das Ge­mein­wohl und die Nach­hal­tig­keit. Be­grif­fe, die noch in un­se­rer Zeit ei­ne wich­ti­ge Rol­le spielen.

Im 19. Jahr­hun­dert ent­wic­kel­te sich mit der In­dus­tria­li­sie­rung das ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sys­tem. Die Si­tua­ti­on der Ar­bei­ter­schaft war um 1850 ka­tas­tro­phal. Die Löh­ne wa­ren sehr nie­drig und reich­ten kaum zum Le­ben aus. Die Ar­bei­ter muss­ten täg­lich 12 Stun­den schaf­fen, sie hat­ten kei­nen Ur­laub, kei­nen Schutz an ih­rer Ar­beits­stel­le, kei­ne So­zi­al­ver­si­che­rung. Ih­re Woh­nun­gen be­fan­den sich in Miets­ka­ser­nen, Kin­der­ar­beit war da­mals an der Ta­ges­ordnung.

Karl Marx und Fried­rich En­gels pran­ger­ten die­se schreck­li­chen Zu­stän­de im Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest an und rie­fen zum Klas­sen­kampf ge­gen die Rei­chen im Land auf. Die kat­ho­li­sche Kir­che ging ei­nen an­de­ren Weg. Der be­kann­te Main­zer Ar­bei­ter­bi­schof Wil­helm Em­ma­nu­el von Ket­te­ler setz­te sich ener­gisch für ei­ne deut­li­che Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on auf dem Ar­beits­markt ein. Er for­der­te Lohn­er­hö­hun­gen, ei­ne Ver­kür­zung der täg­li­chen Ar­beits­zeit, die Ab­schaf­fung der Kin­der­ar­beit und der Frau­en­ar­beit in den Fa­bri­ken. Fer­ner setz­te sich der Main­zer Bi­schof für die Hei­li­gung des Sonn­tags ein. Auch die Bil­dung von Ge­werk­schaf­ten und das Streik­recht stan­den auf sei­nem so­zi­al­po­li­ti­schen Programm.

Ket­te­lers An­re­gun­gen und For­de­run­gen wur­den 1891 von Papst Leo XIII. in der be­rühm­ten En­zyk­li­ka „Re­rum no­va­rum” auf­ge­grif­fen. Un­ter an­de­rem for­der­te der Papst die Zah­lung von Löh­nen mit de­nen die Ar­bei­ter sich und ih­re Fa­mi­li­en er­näh­ren und da­zu ei­nen klei­nen Teil des Gel­des für noch är­me­re Men­schen spen­den konnten.

Papst Jo­han­nes XXIII. ver­öf­fent­lich­te im Jahr 1961 ei­ne So­zi­al­en­zyk­li­ka un­ter dem Ti­tel „Ma­ter et ma­gis­tra”. In die­sem Rund­schrei­ben wird pos­tu­liert, dass die Hö­he des Ar­beits­loh­nes nicht ein­fach dem frei­en Wett­be­werb über­las­sen blei­ben darf, son­dern sich un­be­dingt an den Maß­stab von Ge­rech­tig­keit und Bil­lig­keit hal­ten müsse.

Wäh­rend des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils (1962-1965) schlos­sen sich zahl­rei­che Bi­schö­fe zum sog. Ka­ta­kom­ben­pakt zu­sam­men. Sie ver­pflich­te­ten sich, aus ih­ren Pa­läs­ten aus­zu­zie­hen, be­schei­den zu le­ben, kei­nen Auf­wand in ih­rer Amts­klei­dung zu trei­ben, so zu le­ben. dass sie mit den Ar­men Ge­mein­schaft haben.

1981 folg­te die En­zyk­li­ka „La­bo­rem exer­zens” Jo­han­nes Pauls II. Da­rin heißt es: „Die Rang­ord­nung der Wer­te und der tie­fe­re Sinn der Ar­beit for­dern, dass das Ka­pi­tal der Ar­beit die­ne und nicht die Ar­beit dem Kapital.”

Schließ­lich ver­öf­fent­lich­ten die evan­ge­li­sche und die kat­ho­li­sche Kir­che 1987 ein öku­me­ni­sches So­zi­al­wort. Die­ses Pa­pier un­ter dem Ti­tel „Für ei­ne Zu­kunft in So­li­da­ri­tät und Ge­rech­tig­keit” be­ton­te, dass Ei­gen­tum im­mer so­zi­al­pflich­tig ist.

Da­mals ha­ben vie­le kirch­li­che Ins­ti­tu­tio­nen und Ver­bän­de an der For­mu­lie­rung des Tex­tes mit­ge­ar­bei­tet. Da­durch kam es zur Nie­der­schrift der Kern­fra­gen, die sich heute in der Welt der Wirt­schaft und der Ar­beit stellen.

Im Jahr 2013 schrieb Papst Fran­zis­kus sein Rund­schrei­ben „Evan­gelii gau­di­um”. Da­rin setz­te er sich für die Op­ti­on der Kir­che für die Ar­men ein, die be­reits in der la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Theo­lo­gie der Be­frei­ung ei­ne be­deu­ten­de Rol­le spiel­te, zu­nächst je­doch im Va­ti­kan nicht an­er­kannt wur­de. Fran­zis­kus sprach fol­gen­de For­de­run­gen aus: Nein zu ei­ner Wirt­schaft der Aus­schlie­ßung, nein ge­gen die Ver­göt­te­rung des Gel­des, nein ge­gen die Herr­schafts­macht des Gel­des, nein ge­gen die so­zia­len Un­gleich­hei­ten als Quel­le von Ge­walt und Un­frie­den in der Welt.

Der evan­ge­li­sche Re­fe­rent Dr. Stroh lei­te­te sei­nen Bei­trag mit ei­nem Be­zug auf die Aus­füh­run­gen Mar­tin Lut­hers in des­sen Be­kennt­nis­schrift „An den christ­li­chen Adel deut­scher Na­ti­on” von 1520 ein. Der Re­for­ma­tor be­schrieb da­rin, dass der christ­li­che Glau­be Ori­en­tie­rung für das Le­ben sei. Für die Ge­stal­tung des Ge­mein­wohls – das ist bis heu­te Über­zeu­gung der evan­ge­li­schen Chris­ten – trägt je­der Christ und je­de Christ­in ei­ne per­sön­li­che Ver­ant­wor­tung. Die­se kann nicht de­le­giert wer­den. Wir al­le müs­sen ge­mein­sam über die Ge­stal­tung un­se­rer Um­welt und da­mit auch für den so­zia­len Be­reich ent­schei­den. Kom­pe­tent für das Glau­bens­le­ben und sei­ne Kon­kre­ti­sie­rung in der Ge­sell­schaft sind al­le nicht nur die Trä­ger kirch­li­cher Äm­ter. Der Re­fe­rent wies dar­auf hin, dass da­bei die Er­fah­run­gen der Men­schen, das Da­zu­ler­nen, ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Evan­ge­li­sche So­zi­al­ethik be­deu­tet, dass man aus dem Glau­ben auf das je­weils Gan­ze blic­ken muss. Nach der Re­for­ma­ti­on, die letzt­lich durch die Fürs­ten ge­ret­tet wur­de, kam es zur Tren­nung von Glau­be und öf­fent­li­chem Le­ben. Die Wirt­schaft ent­wic­kel­te sich oft oh­ne Be­ach­tung der christ­li­chen Grund­sät­ze Die­ses Aus­ein­an­der­trif­ten von Glau­be und Öko­no­mie müss­te – so der Re­fe­rent – von der evan­ge­li­schen So­zi­al­ethik noch stär­ker be­ach­tet werden.

Dr. Stroh ging auch auf das jüngs­te öku­me­ni­sche So­zi­al­wort von 2014 ein, das we­gen man­geln­der Kon­kre­ti­sie­rung der Pro­ble­me über­ar­bei­tet wer­den soll. Da­bei sind neue Her­aus­for­de­run­gen zu be­rück­sich­ti­gen wie die Fi­nanz­kri­se im Euro­pa, der Kli­ma­wan­del und die Tat­sa­che, dass heu­te Ar­beit mehr als die Er­werbs­ar­beit ist, z.B. die Kin­der­er­zie­hung und die häus­li­che Pfle­ge von kran­ken und al­ten Fa­mi­li­en­an­ge­hörigen.

Der Re­fe­rent sag­te am En­de sei­ner Vor­trags: Geld und Kar­rie­re­den­ken sind nicht das letz­te und wich­tigs­te, son­dern im Sin­ne Mar­tin Lut­hers der christ­li­che Glau­be als Ori­en­tie­rungs­wis­sen – die fes­te Über­zeu­gung: „Du bist ein Gott, der mich liebt!”

Im An­schluss an bei­de sehr in­for­ma­ti­ve und in­ter­es­san­te Vor­trä­ge der Fach­leu­te gab es ei­ne Aus­spra­che, die der Klä­rung man­cher Fra­gen aus dem Be­reich christ­li­cher Glau­be – Wirt­schaft – Ar­beit diente.

Dr. Wilhelm Platz