Katholische
Arbeitnehmer
Bewegung
Frankfurt/Main-Zeilsheim

Berichte

21.05.2015

Die Flücht­lin­ge und wir

Bild zu Text

Flüchtlinge im Mittelmeer

Seit Mo­na­ten be­rich­ten die Me­dien fast täg­lich über das schreck­li­che Flücht­lings­dra­ma im und rund um das Mit­tel­meer. Zahl­rei­che Men­schen aus dem Na­hen Os­ten und Län­dern Af­ri­kas stre­ben un­ter un­vor­stell­bar schlim­men Be­din­gun­gen nach Eu­ro­pa und auch nach Deutsch­land in der Hoff­nung, dass sie hier, in ei­ner neu­en Hei­mat, in Frie­den le­ben kön­nen. Bei uns geht es jetzt da­rum, dass die Ge­sell­schaft sich ge­gen zu­neh­men­de Frem­den­feind­lich­keit und ras­sis­ti­sche Po­le­mik deut­lich wehrt und die Flücht­lin­ge trotz al­ler Schwie­rig­kei­ten freund­lich auf­nimmt. Ge­ra­de die christ­li­chen Kir­chen müs­sen Vor­bild sein, und sie sind es auch.

Die Kat­ho­li­sche Ar­beit­neh­mer­be­we­gung (KAB) Zeils­heim ver­an­stal­te­te ge­mein­sam mit der ört­li­chen Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen (ACK) ei­nen sehr gut be­such­ten Ge­sprächs­abend zum The­ma „Die Flücht­lin­ge und wir”. Zwei Mit­ar­bei­ter­in­nen des Bis­tums Lim­burg – Mer­ha­vit Des­ta und An­ne­gret Hoch­ler – in­for­mier­ten die Be­su­cher über die sehr kom­pli­zier­te Flücht­lings- und Asy­lan­ten­problematik.

Bild zu Text

Mer­ha­vit Des­ta und An­ne­gret Hoch­ler

Nach ei­ner sta­tis­ti­schen Dar­stel­lung der Auf­nah­me­zah­len in den Län­dern der EU sprach Frau Des­ta zu­nächst über die Be­grif­fe „Asyl­be­wer­ber” und „Flücht­ling”. Flücht­lin­ge im recht­li­chen Sinn sind Men­schen, die durch Ar­ti­kel 16a un­se­res Grund­ge­set­zes be­son­ders ge­schützt wer­den. Flücht­lin­ge sind auch in der sog. Gen­fer Kon­ven­tion als schüt­zens­wert an­er­kannt. Die Re­fe­ren­tin wies dar­auf hin, dass die recht­li­chen Re­ge­lun­gen ins­ge­samt sehr kom­pli­ziert und dif­fe­ren­ziert sind. So be­deu­tet zum Bei­spiel die „Dul­dung” ei­ne vor­über­ge­hen­de Aus­set­zung der Ab­schie­bung von Flücht­lin­gen. Für die Asyl­ver­fah­ren ist letzt­lich das Bun­des­amt für Mi­gra­tion und Flücht­lin­ge zu­stän­dig. Die Asyl­an­trä­ge je­doch wer­den in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern de­zen­tral ge­stellt. Für die an­ge­kom­me­nen Flücht­lin­ge be­steht ein Ver­tei­lungs­schlüs­sel. Wie vie­le Men­schen ein Bun­des­land zu­nächst auf­neh­men muss, rich­tet sich nach der je­wei­li­gen Ein­woh­ner­zahl und nach dem Steu­er­auf­kom­men. Un­ter den Be­zir­ken des Bis­tums Lim­burg stand die Stadt Frank­furt mit der Zahl der auf­ge­nom­me­nen Flücht­lin­ge an der Spit­ze. Ab­schlie­ßend gab Frau Des­ta die Zah­len der auf­ge­nom­me­nen Flücht­lin­ge für das ers­te Quar­tal des Jah­res 2015 be­kannt: Bun­des­re­pub­lik Deutsch­land 73.135, Land Hes­sen 4.194, Bis­tum Lim­burg 1.888.

Die zwei­te Re­fe­ren­tin des Ge­sprächs­abends, An­ne­gret Hoch­ler, be­schäf­tig­te sich in ih­rem Bei­trag mit der so ge­nann­ten Will­kom­mens­kul­tur, an der sie im Auf­trag des Ca­ri­tas­ver­ban­des der Diö­ze­se Lim­burg ar­bei­tet. Sie stell­te ein Säu­len­mo­dell vor, das fünf Tä­tig­keits­be­rei­che der Ca­ri­tas um­fasst. Zu­nächst geht es da­rum, eh­ren­amt­li­che Netz­wer­ke zu stär­ken. Eh­ren­amt­li­che Mit­ar­bei­ter­in­nen und Mit­ar­bei­ter in der Ar­beit mit Flücht­lin­gen und Asyl­be­wer­bern wer­den fach­lich aus­ge­bil­det und auch fi­nan­ziell ge­för­dert. Als zwei­te Säu­le sind die pro­fes­sio­nel­len Flücht­lings­be­ra­tungs­stel­len von gro­ßer Be­deu­tung. Die bei uns an­ge­kom­me­nen Men­schen müs­sen mit den viel­fäl­ti­gen recht­li­chen und bü­ro­kra­ti­schen Fra­gen, mit de­nen sie kon­fron­tiert wer­den, ver­traut ge­macht wer­den. Auch die Ver­mitt­lung von Wohn­raum ist ein wich­ti­ges Tä­tig­keits­feld in der Will­kom­mens­kul­tur des Ca­ri­tas­ver­ban­des. Er­fol­ge in der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen wird es nur ge­ben, wenn die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung durch ei­ne ge­ziel­te Öf­fent­lich­keits­ar­beit mit der ge­sam­ten Flücht­lings­fra­ge ver­traut ge­macht wird, um Ängs­te ab­zu­bau­en. So wird beim dies­jäh­ri­gen Kreuz­fest des Bis­tums Lim­burg ein Will­kom­mens­fest mit ei­nem ei­ge­nen Pro­gramm ge­fei­ert. Es gibt ei­ne in­ter­kul­tu­rel­le Wo­che und Nach­rich­ten auf ei­ner Home­page. Schließ­lich ist die letz­te Säu­le der Will­kom­mens­kul­tur die po­li­ti­sche An­wart­schaft, d.h. die Zu­sam­men­ar­beit der Kir­che mit den ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ins­ti­tu­tio­nen zur Lö­sung der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik – al­so Lob­by­arbeit.

Nach den sehr in­ter­es­san­ten Aus­füh­run­gen der bei­den Re­fe­ren­tin­nen ka­men die Be­su­cher der Ver­an­stal­tung mit ih­ren Fra­gen zu Wort. Es wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Deutsch­land we­gen der stei­gen­den Über­al­te­rung der Be­völ­ke­rung Ein­wan­de­rer braucht. Al­ler­dings soll­ten die­se Ein­wan­de­rer für die Ar­beits­welt in un­se­rem Land ent­spre­chen­de be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen mit­brin­gen. „Ar­muts­flücht­lin­ge” soll­ten in Gren­zen je­doch ge­nau­so ak­zep­tiert wer­den. Schließ­lich ha­ben wir als Chris­ten die Pflicht, uns in be­son­de­rer Wei­se den Ar­men der Welt zu­zu­wen­den. Ei­ne zen­tra­le Fra­ge war, was wir tun müs­sen, dass in den Her­kunfts­län­dern der Flücht­lin­ge po­li­tische, so­zia­le und wirt­schaft­li­che Ver­hält­nis­se ge­schaf­fen wer­den, die den Men­schen ein frei­es und ma­te­ri­ell ge­si­cher­tes Le­ben er­mög­li­chen, da­mit es gar nicht zur mas­sen­haf­ten Flucht und Aus­wan­de­rung kommt.

Am Ende des Abends wur­de fest­ge­stellt, dass die Ver­an­stal­tung durch die Bei­trä­ge der bei­den Re­fe­ren­tin­nen und die sach­li­che Dis­kus­sion sehr ge­lun­gen war und ein bes­se­res Ver­ständ­nis der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik er­mög­licht hat.

Dr. Wilhelm Platz